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Nordzypern gewinnt die Nicht-FIFA-WM

Erschienen am 08.06.'06 in "Neues Deutschland"

Lavendel ohne Tor

Nordzypern gewinnt die Nicht-FIFA-WM 

Von Folke Havekost und Volker Stahl 

Unmittelbar vor der Entscheidung bringt Farouk Raahani Mzee das Publikum hinter seinem Tor in Stimmung. Der Keeper Sansibars hechtet von Pfosten zu Pfosten, führt ohne Ball schon einmal die Paraden vor, die ihm wenig später nicht vergönnt sind. Die Afrikaner, selbstverwalteter Teil Tansanias, verlieren das Endspiel um den ersten »Fifi Wild Cup« mit 1:4 im Elfmeterschießen.
Am Hamburger Millerntor trafen sich zu Pfingsten fünf Teams, die aus verschiedenenen Gründen nicht der FIFA angeschlossen sind, ergänzt durch ein Jugendteam des heimischen FC St. Pauli. Weltbeste Fußballer ohne FIFA-Mitgliedschaft dürfen sich nun die Nordzyprioten aus dem seit 1974 türkisch besetzten Teil der Mittelmeerinsel nennen. Es sei ein »lovely cup«, befindet Generalsekretär Erhan Basay, als der Wimpel seines Verbandes um den klassisch gehaltenen Pokal hängt.
Sansibars Trainer Alisan Saltik beklagt kurz die »versteckten Fouls und Provokationen« im mit zwei Platzverweisen verlaufenen Finale. Mehr sagt er nicht, denn dann übergibt der Moderator das Wort an den TV-Komödianten Oliver Pocher, der für seine Fernsehshow »Pochers WM-Countdown« offiziell das Amt des Spielertrainers Sansibars übernommen hat. Abpfiff für die Analyse, Zeit für respektlose Scherze. »Ich musste schon alles an Equipment verschenken, um noch ein Lachen auf ihre Gesichter zu zaubern«, erzählt Pocher, wie er »seine« Spieler mit Pro7-Souvenirs zu trösten versuchte.
Nur ein Beispiel dafür, wie obsessiv betriebene Gegenkultur ihre Maßstäbe verliert. Während die teilnehmenden Mannschaften die seltene Gelegenheit ergriffen, ihr Können vor größerem Publikum – am Finaltag säumten immerhin 4100 Besucher das Millerntor – zu demonstrieren, erklärten die Organisatoren die Veranstaltung forsch zur »FIFA-freien Zone« und ließen kaum eine Gelegenheit ungenutzt, ihr Event als rebellische Aktion gegen den überkommerzialisierten Weltfußball darzustellen. Absurd schon deshalb, weil einige Teilnehmer wie Sansibar oder Grönland – das aufgrund eines fehlenden Naturrasenplatzes bisher abgelehnt wurde – sich nichts sehnlicher wünschen als eine FIFA-Mitgliedschaft.
Jenseits der Verniedlichungs-Tendenzen behauptete das Turnier gleichfalls seinen eigenen Charme. Stetiges Wirrwar um Rückennummern. Kicker, die in Spielpausen am Bierstand mit Zuschauern diskutieren – so oder ähnlich könnte es 1930 ausgesehen haben, als die FIFA ihre ersten Titelkämpfe in Uruguay austrug.
Zu den Publikumslieblingen avancierte das Team Tibets, gegen dessen Teilnahme die chinesische Botschaft im Vorfeld vergeblich protestiert hatte. Die Exilanten, überwiegend aus Indien angereist, lieferten sich muntere Wechselgesänge mit St. Pauli-Anhängern (»Tibet siegt am Millerntor«) und setzten mit ihren Räucherstäbchen eine eigene Duftnote auf der Tribüne. Doch Lavendel schießt keine Tore. Mit 0:7 gegen die »Republik St. Pauli« und 0:5 gegen Gibraltar blieben die elf Tibeter sportlich chancenlos.

 

Gruppe A:

St. Pauli - Gibraltar 1:1
St. Pauli - Tibet 7:0
Gibraltar - Tibet 5:0

Gruppe B:

Nordzypern - Grönland 1:0
Nordzypern - Sansibar 3:1
Sansibar - Grönland 4:2

 

Halbfinale:

Sansibar - St. Pauli 2:1
Nordzypern - Gibraltar 2:0

Spiel um Platz 3:

Gibraltar - St. Pauli 2:1

Finale:

Nordzypern - Sansibar 0:0, 4:1 im Elfmeterschießen